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    Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg

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    Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg

    Max-Planck-Institut für Astronomie

    Originalveröffentlichungen

    1.
    Manuel Arca Sedda et al.
    On the origin of a rotating metal-poor stellar population in the Milky Way Nuclear Cluster
    2.
    Tuan Do et al.
    Revealing the Formation of the Milky Way Nuclear Star Cluster via Chemo-Dynamical Modeling
    3.
    Anja Feldmeier-Krause et al.
    Asymmetric spatial distribution of subsolar metallicity stars in the Milky Way nuclear star cluster

    Treffen der Generationen im Herzen der Galaxis

    Astronomen finden eine bisher unbekannte Population von Sternen nahe dem Zentrum der Milchstraße

    28. September 2020

    Das Zentrum unserer Heimatgalaxie gehört zu den sternreichsten Gebieten des bekannten Universums. Innerhalb dieser Region haben nun Wissenschaftler eine bislang unbekannte, alte Sternpopulation mit überraschenden Eigenschaften entdeckt. Ein internationales Team von Astronomen mit maßgeblicher Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie hat als Ursprung dieser Sterne einen Kugelsternhaufen innerhalb unserer Galaxie identifiziert, der vor langer Zeit in das Zentrum der Galaxie gelangte.
    Zentralbereich der Milchstraße im Infrarotlicht. Das Spitzer Space Telescope der NASA hat mit diesem Bild die inneren 890 x 640 Lichtjahre der Milchstraße abgelichtet. Der Kernsternhaufen befindet sich in einem kleinen Bereich in der Nähe des zentralen massereichen schwarzen Lochs. Die ausgedehnten Strukturen im Bild sind weitestgehend Wolken aus Gas und Staub der Spiralarme der Milchstraße, die auf der Sichtlinie zwischen der Erde und des Galaktischen Zentrums liegen. Bild vergrößern
    Zentralbereich der Milchstraße im Infrarotlicht. Das Spitzer Space Telescope der NASA hat mit diesem Bild die inneren 890 x 640 Lichtjahre der Milchstraße abgelichtet. Der Kernsternhaufen befindet sich in einem kleinen Bereich in der Nähe des zentralen massereichen schwarzen Lochs. Die ausgedehnten Strukturen im Bild sind weitestgehend Wolken aus Gas und Staub der Spiralarme der Milchstraße, die auf der Sichtlinie zwischen der Erde und des Galaktischen Zentrums liegen. [weniger]

    In klaren und dunklen Nächten ist es noch zu erkennen – das milchig weiße, diffuse Band der Milchstraße am Nachthimmel. Seit der Erfindung des Teleskops ist bekannt, dass dieses Band aus unzähligen Sternen besteht. Heute wissen wir, dass unsere Heimatgalaxie im Grunde eine große flache Scheibe aus hunderten Milliarden Sternen ist, umgeben von Staub und Gas, die sich zudem um ihr Zentrum dreht.

    Der Kernsternhaufen ist eines der sternreichsten Gebilde des bekannten Universums

    Etwa 25.000 Lichtjahre von unserer Erde entfernt, im Sternbild Schütze gelegen, befindet sich das Zentrum der Milchstraße. Dieses sogenannte Galaktische Zentrum wurde erst im vorigen Jahrhundert entdeckt und ist seitdem Gegenstand astronomischer Forschungen.

    Im innersten Zentrum der Milchstraße ruht ein extrem massereiches schwarzes Loch. Es ist umgeben von einer der dichtesten Sternansammlungen des bekannten Universums – einem sogenannten „Nuclear Star Cluster“ (NSC), etwa mit Kernsternhaufen übersetzt. Astronomen gehen heute davon aus, dass sich in den innersten 26 Lichtjahren der Galaxis um die 20 Millionen Sterne befinden.

    Dabei ist es ohne spezielle Hilfsmittel gar nicht sichtbar, denn zwischen uns und dem Zentrum der Milchstraße sind sehr viele Staubwolken vorhanden, die das sichtbare Licht verdecken. Es wirkt also eher dunkler als andere Bereiche der Milchstraße. Erst bei Beobachtungen bei sehr viel kürzeren oder längeren Wellenlängen wie dem Infrarotlicht offenbart sich der Aufbau dieses Himmelsbereiches, der tatsächlich sehr viel massereicher ist als andere Regionen der Galaxis.

    Die Milchstraße ist dabei keineswegs einzigartig, Astronomen gehen mittlerweile davon aus, dass sich in den meisten Spiralgalaxien sowohl ein zentrales schwarzes Loch als auch ein zentraler Kernsternhaufen befinden könnte. Der Kernsternhaufen innerhalb der Milchstraße ist aufgrund seiner verhältnismäßig geringen Entfernung zu uns jedoch der einzige, in dem Astronomen individuelle Sterne auflösen können und bietet daher ein ideales Laboratorium, um die Eigenschaften dieser riesigen Sternhaufen zu untersuchen.

    Eine Untersuchung des Kernsternhaufens als Grundlage weiterer Erkenntnisse

    Daher beobachteten Astronomen unter Leitung von Anja Feldmeier-Krause von der Europäischen Südsternwarte (ESO) und Nadine Neumayer vom Max-Planck-Institut für Astronomie (MPIA) in Heidelberg mit speziellen Instrumenten am Very Large Telescope (VLT) in Chile diese einzigartige Region. In einer kürzlich erschienenen Studie analysierten sie dabei etwa 700 Sterne und untersuchten nicht nur die Helligkeit und Farbe der einzelnen Sterne, sondern konnten auch Rückschlüsse über deren Bewegungen und Geschwindigkeiten, aber auch über ihren chemischen Aufbau ziehen. Diese Beobachtungen bilden die Grundlage für eine Reihe wichtiger Entdeckungen über diesen bislang noch recht unerforschten Bereich der Galaxis.

    Die chemische Zusammensetzung eines Sterns ist ein wichtiger Hinweis in der Astronomie, verrät er doch etwas über sein Alter. Dabei ist die Metallizität – die Angabe über die Häufigkeit von Elementen schwerer als Wasserstoff und Helium – eine wichtige Größe. Denn alle anderen Elemente können nur in Sternen selbst entstehen. Enthält ein Stern also eine große Anzahl an schweren Elementen wie Sauerstoff, Kohlenstoff oder Eisen, bedeutet dies, dass er aus den Überresten eines Vorgängersterns entstanden sein muss und daher relativ jung ist. Andersherum deutet eine geringe Metallizität auf einen sehr alten Stern hin, der schon in den Frühzeiten des Universums entstanden ist, als es kaum schwere Elemente im Kosmos gab. Die Metallizität ist also ein direkter Hinweis auf das Alter des jeweiligen Sterns und daher für Astronomen von großer Bedeutung.

    Eine bislang unbekannte Population von Sternen versteckt sich im Herzen der Galaxis

    Bei der Analyse dieser Beobachtungen hat nun ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Tuan Do von der University of California, Los Angeles, an dem neben Nadine Neumayer auch Manuel Arca Sedda, beide im Sonderforschungsbereich SFB 881 am Zentrum für Astronomie der Universität Heidelberg tätig, beteiligt war, erstmals eine bislang unbekannte Population von Sternen innerhalb des Kernsternhaufens entdeckt. Während ein Großteil der Sterne im zentralen Bereich der Milchstraße höhere Metallizitäten aufweist als die Sonne, identifizierten die Wissenschaftler eine Gruppe von Sternen, die deutlich weniger schwere Elemente enthielten. Zudem zeichnen sich diese Sterne durch eine gemeinsame, schnellere Geschwindigkeit als die der umgebenden Sterne aus, deren Bewegungsrichtung möglicherweise zusätzlich leicht gekippt im Verhältnis zur galaktischen Ebene ist. Die Eigenschaften dieser Sterne, die etwa 7 % aller Sterne im zentralen Kernsternhaufen ausmachen, sind dabei einander überraschend ähnlich. Es liegt also nahe, dass diese Sterne einen gemeinsamen Ursprung haben. Nur wie gelangten sie in den innersten Bereich der Galaxis?

    Eine Antwort auf diese Frage liefert ein Blick in die Entstehung eines Kernsternhaufens: Einer gängigen Theorie nach, könnten sie zumindest teilweise durch Kollisionen mehrerer Sternhaufen, also räumlich dichtere Ansammlungen von Sternen ähnlichen Alters, innerhalb der Galaxie entstanden sein. Sie bewegen sich aufgrund der gegenseitigen Beeinflussung durch ihre Schwerkraft gemeinsam durch den Raum. Sternhaufen sind in allen bekannten Galaxien zu finden. Durch das Phänomen der dynamischen Reibung, ein Gravitationseffekt der umgebenden Materie, verlieren die Sternhaufen auf ihren Bahnen an Geschwindigkeit und driften so auf das galaktische Zentrum zu. Hier verschmelzen sie dann mit anderen Sternhaufen und bilden die deutlich größeren Kernsternhaufen. Möglicherweise ist die neu entdeckte Population ein Überrest eines solchen älteren Sternhaufens.

    Leistungsstarke Simulationen helfen, die Geschichte des Kernsternhaufens aufzuklären

    Visualisierung einer Simulation, die den Einfall eines Kugelsternhaufens in den Kernsternhaufen der Milchstraße darstellt. Die Farbskala zeigt die Verteilung der Sterndichten entlang der Sichtlinien innerhalb des Galaktischen Zentrums. Der Kugelsternhaufen ist als isolierter Punkt zu erkennen, der innerhalb von 400 Millionen Jahren zunehmend mit dem Kernsternhaufen verschmilzt und sich dabei auflöst. Trotz der resultierenden Vermischung der beiden Sternpopulationen bleiben bestimmte Eigenschaften der Sterne des Kugelsternhaufens erhalten. Bild vergrößern
    Visualisierung einer Simulation, die den Einfall eines Kugelsternhaufens in den Kernsternhaufen der Milchstraße darstellt. Die Farbskala zeigt die Verteilung der Sterndichten entlang der Sichtlinien innerhalb des Galaktischen Zentrums. Der Kugelsternhaufen ist als isolierter Punkt zu erkennen, der innerhalb von 400 Millionen Jahren zunehmend mit dem Kernsternhaufen verschmilzt und sich dabei auflöst. Trotz der resultierenden Vermischung der beiden Sternpopulationen bleiben bestimmte Eigenschaften der Sterne des Kugelsternhaufens erhalten. [weniger]

    Um diese Theorie zu testen, benutzten die Wissenschaftler leistungsstarke Computersimulationen. Dazu berechneten sie ein virtuelles System aus vielen Einzelobjekten, das die innersten gut 300 Lichtjahre der Milchstraße abbildet. Es beinhaltet den Kernsternhaufen und das zentrale schwarze Loch, sowie einen massereichen Sternhaufen mit etwa 1 Million Sonnenmassen, der zu Beginn der Simulation etwa 160 Lichtjahre vom Zentrum der Galaxie entfernt war. „Unser Ziel war es unter anderem herauszufinden, vor wie langer Zeit ein solcher Sternhaufen in die Region um das Galaktische Zentrum herum gelangt sein könnte und woher er ursprünglich kam“, erläutert Arca Sedda.

    Wenn ein Sternhaufen in Richtung des Galaktischen Zentrums stürzt, werden durch die gravitativen Wechselwirkungen mit seiner Umgebung Sterne aus dem Haufen herausgelöst. Ist er erst einmal im innersten Bereich der Galaxie angekommen, löst er sich innerhalb relativ kurzer Zeit auf, und seine Sterne sind von den restlichen Sternen in seiner neuen Umgebung kaum mehr zu unterscheiden.

    Da die Mitglieder der neuentdeckten Sternpopulation trotz ihrer räumlichen Verteilung aber noch einige sehr charakteristische Gemeinsamkeiten aufweisen, vermuten die Astronomen einen gemeinsamen Ursprung dieser Sterne außerhalb des Kernsternhaufens. Die Simulationen deuten nun auf einen Einfall in den Bereich des Kernsternhaufens innerhalb der letzten 3 bis maximal 5 Milliarden Jahre hin.

    Der Ursprung der neu entdeckten Sterne

    Doch woher kommt der Sternhaufen ursprünglich? Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Die beiden wahrscheinlichsten Optionen untersuchten die Wissenschaftler nun in ihrer Veröffentlichung: Zum einen können die Sterne aus einem Sternhaufen aus weiter außen liegenden Gebieten der Milchstraße selbst kommen und von dort ins Zentrum der Galaxis gewandert sein. Eine weitere Möglichkeit ist auch der Einfall einer Zwerggalaxie aus der Umgebung der Milchstraße. Der übriggebliebene Galaxienkern oder auch ein großer Sternhaufen dieser Zwerggalaxie könnten es bis ins Galaktische Zentrum geschafft haben. Beide Szenarien untersuchten die Wissenschaftler in ihrer Simulation.

    Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Einfall eines eher näher gelegenen Sternhaufens aus der Milchstraße selbst wahrscheinlicher ist“, erklärt Neumayer. Dieser Sternhaufen ist demnach ursprünglich etwa 10.000 bis 16.000 Lichtjahre entfernt vom Zentrum der Milchstraße entstanden.

    Um diese Hypothese zu überprüfen, verglichen die Astronomen außerdem die beobachteten Eigenschaften der neu entdeckten Sternpopulation mit den Eigenschaften von alten Kugelsternhaufen in der Milchstraße und solchen, die bereits von Zwerggalaxien in unsere Milchstraße aufgenommen wurden. Dabei stellen sie fest, dass die Eigenschaften der neu entdeckten zentralen Sterne deutlich besser zu Sternen aus Kugelsternhaufen der Milchstraße selbst passten. Auch die berechneten Entfernungen der Vorgänger-Sternhaufen decken sich gut mit den Entfernungen von bereits bekannten Sternhaufen. „Ein extragalaktischer Ursprung der Sterne kann zwar nicht komplett ausgeschlossen werden, ist aber eher unwahrscheinlich“, schließt Arca Sedda. „Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der zentrale Kernsternhaufen in der Galaxis zumindest teilweise durch den Einfall kleinerer Sternhaufen entstanden ist.

    Hintergrundinformationen

    Diese Arbeit wurde im Rahmen des Unterprojektes Z2 und B8 des Sonderforschungsbereiches SFB 881 „Das Milchstraßensystem” der Universität Heidelberg durchgeführt. Sonderforschungsbereiche sind langfristige Projekte zur Grundlagenforschung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bis zu einer Dauer von 12 Jahren gefördert werden.

    Der SFB 881 befindet sich am Zentrum für Astronomie der Universität Heidelberg (ZAH) und umfasst Wissenschaftler des Astronomischen Rechen-Instituts (ARI), dem Institut für Theoretische Astrophysik (ITA) und der Landessternwarte Königstuhl (LSW). Die beteiligten außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind dasMax-Planck-Institut für Astronomie (MPIA) und das Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS). Darüber hinaus beteiligt sich das Haus der Astronomie (HdA), um die Forschungsergebnisse des SFBs der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    RH/MN

     
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